Alle Macht den vielen?

Vor zwei Monaten habe ich darüber geschrieben, dass wir alle bei uns selbst sein müssten, um für die Gesellschaft da zu sein. Aber ich muss das noch ergänzen. Denn wir müssen auch bei der Gesellschaft sein, um bei der Gesellschaft zu sein. Der Mensch ist ein soziales Wesen, jaja. Haben wir alle schon oft gehört. Aber sind wir nicht genau das? Ist das nicht ein wichtiger Teil dessen, was uns ausmacht? In der Pandemie haben wir es doch gerade erst so richtig zu spüren bekommen, wie es ist, wenn man von der Gesellschaft getrennt ist. Haben wir uns nicht gut gefühlt, als Angela Merkel damals im Fernsehen davon gesprochen hat, wie wir jetzt alle zusammenhalten und uns gegenseitig schützen müssten? Weil wir uns gefreut haben, etwas für die Gesellschaft tun zu können.

Ich muss zugeben, ich bin ein bisschen beeinflusst von Yuval Noah Harari, dessen „Homo Deus“ ich gerade lese. Harari stellt fest, dass der Mensch nur so mächtig über die Erde herrschen kann, weil er es besser als jede andere Art versteht, flexibel zu kooperieren und eine Gemeinschaft zu bilden. Und wer hat sich denn schonmal allein mächtig gefühlt? Wir fühlen uns mächtig, wenn wir anderen gegenüber selbstbestimmt handeln, wenn wir etwas erschaffen, das andere bewundern können, oder wenn wir in einer Gemeinschaft etwas erreichen. Immer sind andere daran beteiligt. Der letzte Mensch auf Erden würde sich niemals mächtig fühlen.

Photo by Jon Tyson on Unsplash

Aber nicht zu vergessen ist trotzdem auch der erste Teil meiner Behauptung: Wir müssen auch bei uns selbst sein. Denn wir brauchen uns selbst, um die „richtigen“ Entscheidungen zu treffen (soweit man das so nennen kann). Denn die Masse, die uns mächtig macht, ist flexibel und das bedeutet, sie ist vergänglich. Sie braucht etwas, das sie zusammenhält, und im besten Fall ist das ein guter Grund, der alle zusammenhält. Durch die Macht der Gemeinschaft lassen sich Menschenleben retten, Ungerechtigkeit bekämpfen und hoffentlich auch bald das Klima retten (weiter Weg, ich weiß).

Das Ganze ist ein fragiles Gleichgewicht. Denn wenn der Einzelne die Gemeinschaft ausnutzt oder die Gemeinschaft den einzelnen fürchtet, dann wird eines von beiden bald zu Grunde gehen. Und an dieser Stelle kommen wir zu meinem Medium, um das es heute geht: funk. Nein, nicht das fragile System Öffentlicher Rundfunk, mit seinen kontroversen Investitionen und dem Rundfunkbeitrag. Ich bin eifrige Verfolgerin der funk-Produktionen und sehr zufrieden mit ihrer Leistung. (Auch nicht mit allen aber hey, keineR ist perfekt!) Mit funk haben es die Öffentlich-Rechtlichen tatsächlich geschafft auf ein Level mit einer Zielgruppe zu kommen, die sie im Fernsehen nie erreichen konnten. (Ja, sorry, ich wollte nicht darüber schreiben.)

Es geht mir im Besonderen um ein spezielles Video von dem Format Deutschland 3000, in dem Opfer sexueller Gewalt in der katholischen Kirche von ihren Erlebnissen berichten. Mir ist buchstäblich schlecht geworden, als ich davon gehört habe. Versteht mich nicht falsch, ich finde, die Kirchen haben noch immer (strukturbedingt) ein paar wichtige Rollen zu tragen und auf keinen Fall sind sie alle schlecht. Aber wie kann es sein, dass der Schutz einzelner (mächtiger!) Personen innerhalb eines Systems über den Schutz vieler anderer gestellt wird, die eigentlich auch Teil des Systems sind. Aber anders anscheinend. Manche Menschen scheint Gott lieber zu mögen als andere.

Greift unser Sinn für die Gemeinschaft in solchen Fällen zu weit? Ist die Kirche an dieser Stelle besser organisiert als die große Menge der Opfer? Aber die sozialen Medien bieten uns doch eigentlich eine so starke Organisation, die der Gerechtigkeit und den wichtigen Themen oft eine Stimme verleiht. Warum gibt es immer noch Systeme, die wichtiger sind und mächtiger sind als andere, obwohl ihre Organisation sich so ähneln?

Weil am Ende wir selbst es sind, bei denen wir sein müssen. Die Kirche oder die Parteien haben einen gemeinsamen Sinn, eine Identität. Welche Identität teilen Instagram und Tiktok? Ich wünsche mir, dass die Communities, die sich online bilden, es (ähnlich wie Fridays for Future?) in die „reale“ Welt schaffen und dort wirklich etwas bewegen. Wenn einzelne gegen mächtige Systeme ankämpfen, dann kommen sie oft nicht weit. Aber wenn sie bei sich sind und ihren Grund auch an andere weitergeben, dann formt sich eine neue Gemeinschaft und diese ist dann doch wieder mächtig!

Danke an Gayatri Malhotra für das Beitragsbild und nrd für das letzte Foto!
Ich bekomme kein Geld für die Nennung von Harrari oder funk!

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Migraene Muraene

#MenschenMitMigräneSindKämpfer

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